Der Lausitzmarathon ist kein gewöhnlicher Marathon. Wo sonst Testfahrer ihre Runden drehen, Motoren heulen und Fahrzeuge an ihre Grenzen gebracht werden, rollten am 16.5.2026 plötzlich Fahrräder, Inlineskater, Tretrollerfahrer über den DEKRA Lausitzring – und mittendrin wir Einradfahrer. Allein das hat schon etwas herrlich Faszinierendes. Stundenlang bewegt man sich auf einer riesigen Rennstrecke aus Asphalt zwischen Tribünen, Boxengassen und endlosen Kurven, irgendwo zwischen Hochleistungssport, Familienevent und DTM-Feeling.
Gerade für Einradfahrer ist der Lausitzmarathon aber ein ganz besonderes Pflaster. Die Strecke ist schnell, auf der Ideallinie komplett flach, breit und frei von Verkehr, Bordsteinen oder anderen Hindernissen, die einem sonst das Leben auf Langstreckenrennen schwer machen. Zudem liegt ein Vermessungsprotokoll vor, was für das Anerkennungsverfahren eventuell gefahrener Rekordzeiten wichtig ist. Unser Dank gilt deshalb an dieser Stelle Lisa Herbst aus Zuffenhausen, die den Einradfahrern die Teilnahme bei diesem sehr gut organisierten Event ermöglicht hat. Nicht umsonst wurden hier bereits Einrad-Marathon-Weltrekorde gefahren. Wer Tempo liebt, findet kaum bessere Bedingungen. Gleichzeitig ist die Atmosphäre erstaunlich entspannt und familiär, trotz aller sportlichen Ambitionen.
Und genau dort durften wir in diesem Jahr ein Wochenende erleben, das wir so schnell nicht vergessen werden. Mit drei deutschen Meistertiteln im Gepäck, müden Beinen, jeder Menge Asphaltkilometern und vermutlich leicht irritierten Blicken mancher Zuschauer, die erst einmal verinnerlichen mussten, dass man auf einem Einrad tatsächlich Marathon fahren kann, ging es für uns einmal quer durch Emotionen, Muskelkater und Glücksmomente.
Vom Garser Einrad-Team standen Lena Freimuth (Standard-Kategorie 29 Zoll/keine Schaltung), Henriette Höhne, Timo Hirschmann und Michael Höhne (alle drei Unlimited-Kategorie) an der Startlinie. Obwohl jeder der vier natürlich so schnell wie nur machbar die 42,195 km bewältigen wollte, so waren die Ambitionen doch auch teilweise unterschiedlich: Timo hatte vor zwei Jahren an gleicher Stelle seinen Marathon-Weltrekord aufgestellt. Die 1:13:24 h haben bis heute Bestand. Für ihn ging es diesmal darum, dieser Ausnahmezeit möglichst nahe zu kommen.
Lena wiederum hatte im Vorfeld schon einmal ausgerechnet, welche Rundenzeiten notwendig wären, um den Standard-Weltrekord irgendwann in den kommenden Jahren realistisch angreifen zu können. In gewisser Weise war diese Deutsche Meisterschaft deshalb auch ein Testlauf für spätere Rekordversuche. Jette hatte sich vorgenommen, den Marathon wieder einmal unter 1:40 h zu fahren. Und Michael wollte vor allem eines erreichen: Im Ergebnis sollte vorne eine „1“ stehen. Alles unter zwei Stunden hätte sich für ihn bereits wie ein Erfolg angefühlt.
Gemeinsam mit den Inlineskatern wurden die Einradfahrer auf die Strecke geschickt. Die Runde auf dem Lausitzring ist etwa 5,8 Kilometer lang, für den Marathon müssen also etwas mehr als siebeneinhalb Runden absolviert werden. Das klingt zunächst eintönig, entwickelt aber erstaunlich schnell seinen eigenen Reiz. Man hat ständig andere Teilnehmer im Blick, kann Zeiten hervorragend kontrollieren und begegnet sich immer wieder auf der Strecke.
Auch für Zuschauer und Begleitpersonen ist der Lausitzring dankbar: Statt die Fahrer nur einmal kurz vorbeihuschen zu sehen, kann man sie mehrfach beobachten, anfeuern und immer wieder mitverfolgen, wie sich Rennen und Kräfteverhältnisse entwickeln.
Die Wetterbedingungen waren grundsätzlich gut: ein Mix aus Sonne und Wolken, trocken und nicht zu heiß. Nur der Wind spielte einmal mehr seine ganz eigene Rolle. Und zwar nicht irgendein Wind, sondern diese völlig ungebremsten Lausitzer Böen, die über die offene Rennstrecke fegen, als wollten sie persönlich testen, wie ernst man es mit dem Marathonfahren meint. Auf manchen Abschnitten schoben sie beinahe angenehm an, wenige Kurven später fuhr man gefühlt gegen eine unsichtbare Wand aus Luft oder wurde von Seitenböen aus dem Rhythmus gebracht. Gerade auf dem Einrad spürt man das unmittelbar: Jede Böe arbeitet direkt gegen Balance, Rhythmus und Tempo. Eine möglichst aerodynamische Sitzposition wird dadurch fast alternativlos, macht das ohnehin anspruchsvolle schnelle Fahren aber nochmals deutlich schwieriger und erhöht das Sturzrisiko erheblich.
Doch die vier Garser Starter trotzten diesen windigen Widrigkeiten – und wie!
Timo fuhr als erster Einradfahrer über die Ziellinie. Für die 42,195 Kilometer benötigte er 01:16:01.183 h. An seinen eigenen Weltrekord kam er damit zwar nicht ganz heran, bewegte sich aber erneut in einer Zeitregion, die international absolutes Spitzenniveau darstellt. Für eine Verbesserung seiner Fabelmarke von 2024 hätte es vermutlich stärkere Konkurrenz in der Unlimited-Kategorie gebraucht – etwa Simon Jan aus Frankreich, Timos großer Rivale bei internationalen Wettkämpfen und Weltmeisterschaften. Im direkten Duell mit ihm wäre vielleicht sogar eine neue Bestmarke möglich gewesen.


Als zweite aller Einradfahrer rollte Jette ins Ziel – ebenso erschöpft wie glücklich. Mit 01:26:25.023 h blieb sie nicht nur deutlich unter ihrer angepeilten Zeit von 1:40 h, sondern unterbot zugleich auch die bisherige Weltrekordzeit von 1:29:37 h aus dem Jahr 2016. Schon während des Rennens hatte sie gespürt, dass heute etwas Besonderes möglich sein könnte. Lange hielt sie einen Schnitt von über 30 km/h, mehrere ihrer 10-km-Abschnitte lagen sogar unter der aktuellen 10-km-Weltrekordzeit. So entstand mitten im Rennen spontan ein echter Weltrekordversuch – Runde für Runde, Kilometer für Kilometer. Unmittelbar nach dem Zieleinlauf kamen schließlich jene zwei Inlineskater auf sie zu, die den kompletten Marathon in ihrem Windschatten gefahren waren, und bedankten sich begeistert dafür, dass sie sie ganz nebenbei zu neuen persönlichen Bestzeiten gezogen hatte. Gemeinsame Freude – doppelte Freude.


Lena fuhr als erste Standardfahrerin über die Ziellinie. Mit 01:43:51.607 h erreichte sie einen Schnitt von fast 25 km/h und blieb damit mehr als zwei Minuten unter der bisherigen Weltrekordzeit, gefahren bei der UNICON 2014 auf der Formel-1-Strecke in Montreal. Trotz völliger Erschöpfung strahlte Lena im Ziel mit der Sonne um die Wette. Zu einem Marathon gehören eben nicht nur Tempo und Taktik, sondern auch Krämpfe, emotionale Tiefpunkte und irgendwann gefühllose Zehen in den engen Rennschuhen – genauso aber auch diese überwältigende Welle aus Glückshormonen, die einen nach dem Ende der Quälerei überrollt.


Und auch Micha durfte hochzufrieden sein: Mit 01:55:02.130 h blieb er deutlich unter seiner angepeilten Zwei-Stunden-Marke und stellte nebenbei auch noch eine neue persönliche Marathon-Bestleistung auf. Chapeau!


Manchmal werden wir gefragt, ob unsere sportlichen Erfolge tatsächlich aus „einmal Hallentraining pro Woche“ entstehen. Ganz ehrlich: Nein. Natürlich nicht. Und eigentlich sollte jedem, der selbst Sport betreibt, klar sein, dass Leistungen auf diesem Niveau niemals aus 120 Minuten Hallentrainingszeit entstehen können. Was man bei Wettkämpfen sieht – Medaillen, Titel, scheinbar mühelose Kürdurchläufe oder schnelle Marathonzeiten – ist nur die sichtbare Spitze eines enormen Trainingsaufwands.
Unsere erfolgreichen Fahrerinnen und Fahrer, allen voran die Deutschen Marathonmeister, trainieren nahezu täglich:
Kraft, Ausdauer, Technik, Beweglichkeit, Koordination, mentale Stabilität, Athletik und Regeneration. Dazu kommen individuelle Trainingspläne, sportwissenschaftlich basierte Überlegungen, gezielte Recoveryphasen, Ernährungsstrategien und unzählige Stunden eigenständigen Übens.
Die eine Halleneinheit pro Woche ist derzeit lediglich der einzige gemeinsame Freestyle-Termin, der uns wegen der anhaltenden Hallensituation überhaupt noch geblieben ist. Der Rest entsteht durch enormes persönliches Engagement, Disziplin und sehr viel Verzicht. Deshalb ist es nur fair, sportliche Leistungen nicht reflexartig kleinzureden oder mit scheinbar „unschuldigen“ Fragen infrage zu stellen, sondern zunächst einmal anzuerkennen, wie viel Arbeit, Konsequenz und Leidenschaft tatsächlich dahinterstehen.
Erfolg fällt nicht vom Himmel.
Und schon gar nicht durch einmaliges Hallentraining am Montagabend.






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