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Zurück in eisigen Höhen

Der A 350-600 hat bei knapp über 300 km/h vom koreanischen Boden abgehoben und befindet sich nun schon in 8.400 m Höhe mitten über dem Gelben Meer, das auch von hier oben nicht wirklich gelb aussieht. Wir sind auf dem Weg zurück nach München. Das Lufthansapersonal ist routiniert freundlich. Nach 16 eher servicearmen Tagen in Südkorea erfreuen wir uns an dem zuvorkommenden Wohlwollen der kräftig geschminkten Stewardess, die für unser Wellbeeing in der Premium Economy zuständig ist. Koreanische Verkäufer, Hotelangestellte oder Staatsbedienstete haben uns in den zwei Wochen unserer Aufenthaltes im südlichen Teil der koreanischen Halbinsel nicht unbedingt verwöhnt mit netten Gesten. Eher schon wurden wir von mit roten Signalstöcken ausgestatteten Verkehrshütern mit fuchtelnden Armbewegungen wie die Hühner über die Straße gescheucht oder vom missmutig dreinblickenden Hotelpersonal vorwurfsvoll angeschaut, wenn wir zum x-ten mal freundlich bettelten, für drei Zimmerbewohner doch bitte auch drei Handtücher ausgeteilt zu bekommen. Diese Kommunikation funktionierte nur hin und wieder und dann lediglich mit Google Übersetzer oder so leidlich mit einer Bildstrecke aus „Beweisfotos“, als z.B. abgezogene Deckbetten keine neunen Bezüge bekommen hatten. Wie erklärt man das, wenn es kein übereinstimmendes Vokabular gibt?

Englisch? Fehlanzeige! Selbst im 4 Sterne Hotel einer über 700.000 Einwohner zählenden Stadt. Danke an die Weitsicht das deutschen Kultusministeriums, welches alle Schüler nötigt, diese Sprache zumindest in Grundzügen zu lernen. Vielleicht ist es die Sorge der Koreaner, dem Fremden mit keinem verständlichen Wort begegnen zu können, was die Menschen in den Serviceberufen so reserviert und fast unfreundlich erscheinen lässt. Oder es handelt sich ganz schlicht um eine Mentalität und um eine Region, in der kundenorientierte Basisfreundlichkeit kein Teil des öffentlichen Lebens ist. 

Immer wieder spannend wurde es, wollten wir die schon erwähnte Kreditkarte nutzen. Wir fanden aber in den letzten Tagen heraus, dass es wohl eher Bedienfehler der Verkäufer waren als tatsächliches Nichtfunktionieren des Plastikgeldes. In ein und demselben Laden klappte das Bezahlen mit der Karte mal ja, mal nein. Der Erfolg schien in direkten Zusammenhang mit dem Angestellten zu stehen, welcher sich hinter dem Kassencomputer befand. Oft drückte eine zu Hilfe eilende weitere Person lediglich eine andere Taste, und der Zahlvorgang entpuppte sich als ein völlig unkompliziertes Verfahren. Trotzdem machte es Sinn, allzeit ein wenig Bargeld mit sich zu führen, denn nicht immer fand sich diese eine Person, die es fertigbrachte, Kassenterminal und Kreditkarte zu synchronisieren. Die letzten Fehlschläge dieser Art erlebten wir selbst auf dem Incheon International Airport.

Mit großer Dankbarkeit erfüllt uns, dass keiner von uns krank geworden ist in diesem fremden Land. Man atmete hier entweder feuchten Smog oder trockene Klimaanlagenluft ein – nicht so ganz gesund für die Lungen. Zwischen den zwei Extremen gibt es nichts anderes zu schnaufen. Jetzt dürstet es uns nach der klaren Luft kühler deutscher Nächte bei geöffnetem Fenster. In Ansan fiel das Thermometer des nachts kaum unter 30 Grad, da ließ man automatisch alle Zugänge nach außen hermetisch verschlossen.

Zu diesen Gesundheitsrisiken mischten wir mutwillig selber noch ein paar Gefahren hinzu, die unsere Sportart durch Verletzungsrisiken so mit sich bringt. Aber auch dahingehend sind wir verschont geblieben. Lediglich Konstantin hat ein paar kleinere Blessuren beim Marathon davongetragen nach dem ungewollten Zusammentreffen mit dem französischen Heißsporn.

Konstantin war es auch, der aktiv die ortstypische Küche für uns testete und immer mehr Nachahmer in unserer kleinen Reisegruppe fand. Wenn die Sprachbarriere dem gezielten mündlichen Bestellen nicht so im Weg gewesen wäre, hätte er sich gewiss auch an die noch exotischeren Gerichte herangewagt. So musste oft das Zeigen auf das vorsorglich fotografierte Essen herhalten. In der Nähe unseres Hotels gab es das Lunchboxrestaurant „Hansot“, welches Korean Food zum Mitnehmen und zu sehr moderaten Preisen anbot (Hühnchen mit Reis, Gemüse und scharfem Gewürz für 2.900 Won, so etwa um die 2,60 Euro – schmackhaft und sattmachend.

 

Hin und wieder waren wir gleich ums Eck im „Pasta and Pizza“ essen. Dort ging es schnell, es schmeckte sehr gut und das Personal hob sich wohltuend von dem anderer Lokalitäten ab. Zweimal erlebten wir Angebotstage mit kostenlosen Getränken, man zahlte lediglich das Essen, leckeres Knoblauchbaguette war immer umsonst. Um die 50.000 Won legten wir zu fünft hin, ungefähr 45  Euro. Am letzten Abend trafen wir dort sogar noch auf einen jungen Herren, der sehr gut Englisch sprach und zudem wusste, wie man geschäftstüchtig mit Gästen umgeht. Diesen Fähigkeiten lag vermutlich ein Auslandsaufenthalt zugrunde.

Lebensmittel kosteten in Ansan im Durchschnitt ähnlich viel wie in Deutschland. Fleisch war etwas teuerer, Obst und Gemüse ähnlich im Preis, Fisch dafür billiger und vielfältiger.

Hin und wieder mussten es für uns ein paar Bananen, Äpfel oder Tomaten sein. Getränke wurden in großer Menge gekauft, und zweimal gönnten sich die Männer am Abend ein koreanisches Bier und die Damen über 18 ein süßes Mixgetränk.

Das Hotelfrühstück „spaltete“ die kleine Gemeinschaft in eine Pro- und eine Kontrafraktion. Die einen liebten die dort angebotenen Speisen – frittiertes Fleisch und ebenso in Fett ausgebackenen Fisch, Garnelen, Reis, Kimchi, Sprossensalate, Suppen. Wer das frühmorgens noch nicht essen mochte, dem blieb das bunte, geschmacksverstärkte Müsli und das immer süße Toastbrot. Verhungern musste aber keiner, ein paar Tage mal eher weniger üppige morgendliche Kost haben zudem noch keinem geschadet. Umso mehr freut man sich wieder auf Jogurt, Vollkornbrot und Käse.

Mit dem 11. August dünnte die Menge der Menschen nichtasiatischer Herkunft im Stadtbild Ansans schlagartig aus. Viele Starter waren schon nach Hause unterwegs, andere zu einer Rundreise aufgebrochen. Wieviel die Bewohner Ansans von der Einrad-Weltmeisterschaft mitbekommen haben, vermögen wir nicht zu sagen. Präsent waren die über 1.400 Teilnehmer und Betreuer und ihre ungewöhnlichen Sportgeräte im Stadtbild allemal. Die benachbarte „PARIS BAGUETTE“ – Filiale musste seit Beginn der UNICON ihr Sortiment mehrfach am Tag auffüllen. Sie hat die höheren Umsätze bestimmt registriert. Vielleicht hätten auch andere geschäftstüchtige Händler vom steten Hunger und Durst der zahlreichen WM-Starter partizipiert, wenn man sie denn in ein Catering an den verschiedenen Sportstätten eingebunden hätten. Da wäre einiges gegangen.

In zehn Stunden sind wir in München, dann tauchen wir nach wenigen Tagen wieder in den Alltag ein. Das Erlebnis Korea wird uns noch lange beschäftigen, das Zusammensein mit Einradlern aus aller Welt war wie schon während der vergangenen UNICONs ein wunderbar bereicherndes Erlebnis, und an den sportlichen Erfolgen freuen wir uns ohnehin.

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3 Responses

  1. Norbert Bande
    | Antworten

    Hallo Heike (du sagt man unter Sportlern…) Tolle Berichte und Glückwunsch zu den Erfolgen. Ich bin bei der Suche auf Infos über Korea auf Deine Seite gestoßen. Ich bereite gerade die Reise mit meiner Masters Wasserball Mannschaft aus Düsseldorf AK 65 + nach Gwangju Korea zur Schwimmweltmeisterschaft im Ausgust 2019 vor.
    Deine Berichte machen extrem Lust auf das Erlebnis Korea.
    Habt Ihr Leihwagen gehabt? Wie klappt es mit Busfahrten?
    Liebe Grüße
    Norbert

  2. Günther Wolf
    | Antworten

    Willkommen zurück und herzlichen Glückwunsch zu den überragenden Leistungen.
    Günther

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