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Ein Rückblick

Wir haben es nicht bereut, uns auf den langen Weg hierher nach Ostasien gemacht zu haben. Die Erfahrungen werden unser Leben auf vielen Gebieten bereichern. Man muss den heimischen Dunstkreis hin und wieder in etwas entferntere, exotische Regionen verlassen, um einen weiten Blick für die Dinge zu bekommen und um wieder schätzen zu lernen, was man an zu Hause hat. Uns kommt dabei augenblicklich Dieter Nuhr in den Sinn, der in seinen Kabarettprogrammen beharrlich für die Reisepflicht gerade für junge Menschen plädiert, um sie erleben zu lassen, dass viele für uns als völlig normal angesehene Rechte oder Annehmlichkeiten keinesfalls überall auf der Welt selbstverständlich sind.

All die politischen Bedenken spielten, erst einmal hier angekommen, keine Rolle mehr. Zum einen hatte sich die Lage in den letzten Monaten ein wenig entspannt, zum anderen waren wir mit so vielen Eindrücken und Herausforderungen beschäftigt, dass gar keine Kapazitäten mehr übrig blieben für andere Gedanken.
Weil die Tage in Ansan auch sportlich erfolgreich waren, machte es die Reise noch zusätzlich lohnenswert.

Vieles hier war sehr gut organisiert!!! Unser ganz herzlicher Dank gilt all denen, die sich mächtig dafür ins Zeug gelegt haben, dass die UNICON 19 ins Laufen kam. Manche aus der Organisatorenriege hat man unermüdlich und überall rackern gesehen. Dabei hatten sie stets gute Laune und ein offenes Ohr für andere. DANKE DAFÜR!
Perfekt gelangen alle Auswertungen der Wettbewerbe, die auf Chipmessung basierten. Dahinter steckte viel vorbereitende Arbeit und eine durchdachte Struktur.
Meisterhaft war auch dar interaktive Zeitplan, der fortlaufend aktualisiert wurde und in den man sogar die Zeiten für die Siegerehrungen und die Workshops integriert hatte. So eine zuverlässige Informationsquelle gab es zuvor noch bei keiner UNICON. Auch die zu Updatezwecken verlässlich verschickten emails waren hilfreich.
Alle, die nicht komplett verletzungsfrei über die Zeit kamen und das Krankenhaus nutzen mussten, sprachen von gutem, schnellen Service und von freundlicher Unterstützung durch das UNICON – Orgateam. Bei allem Unglück war das zumindest ein kleiner Trost.

 

Grundsätzlich muss man sich jedoch fragen, warum so eine Meisterschaft ausgerechnet für den August an ein Land vergeben wird, in dem bekanntermaßen so heiße Temperaturen gepaart mit so drückender Luftfeuchte herrschen, dass sie zu belastenden Bedingungen für den Organismus werden. Zitat Wikipedia: Dem (Monsunregen) folgt ein sehr heißer Mittsommer, der vor allem durch die hohe Luftfeuchtigkeit nur schwer erträglich ist.
Unter diesen Voraussetzungen dann noch sportliche Höchstleistungen und vor allem Ausdauermeisterwerke zu vollbringen, ist schon beachtlich.
Vermutlich wird es keinen zweiten Bewerber gegeben haben, trotzdem bleibt die Frage, ob so eine Entscheidung dann verantwortungsvoll ist. Zumal die Einradfahrer im Gegensatz zu Fußballern oder Leichtathleten nicht von einem ganzen Stab an Ärzten, Physiotherapeuten und anderem Pflegepersonal unterstützt werden. Für diese beiden Sportarten fanden in 2002 und 2011 die WMs ebenfalls in der Sommerhitze Südkoreas statt. Doch mit einem großen Team von Betreuern und jeder Menge Support tut man sich da erheblich leichter, als wenn man auf sich selbst gestellt ist, wie das für die Einradfahrer zutrifft.
Wenn unsere Sportart schon nicht auf eine solche Unterstützung zurückgreifen kann, so wäre unser Vorschlag, zukünftig doch zumindest die vorhandenen Kräfte zu bündeln und zu Beginn einer jeden UNICON ein Treffen all der Starter oder Begleiter anzuberaumen, die in medizinischen Berufen tätig sind und die während der Meisterschaft ihr Wissen und Können zum Wohle aller einsetzen würden. So hätte man für die Zeit der WM ein medizinisches Kompetenzteam verschiedener Nationen und mit unterschiedlichen Sprachen zur Hand, an das sich die Sportler oder auch die begleitenden Familien im Notfall wenden könnten. Das ist vor allem dann interessant, wenn man sich in einem Land aufhält, dessen Sprache man nicht spricht und in welchem man auch mit Englisch nicht vorankommt. Wir kennen so eine Vorgehensweise aus anderen Lebensbereichen und wissen von guten Erfahrungen damit.

1.076 Starter aus 32 Ländern kamen nach Südkorea. Mit 240 Teilnehmern stellte der Gastgeber die größte Mannschaft, dicht gefolgt von Japan mit 239 Startern. 110 deutsche Einradsportler kämpften um die begehrten Medaillen.

Bei den Freestylewettbewerben hatte diesmal der Japanstyle die Nase vorn. Sehr schnelle, präzise Küren mit sich wiederholenden Glidingelementen, aber mit sonst geringer Trickvielfalt, lagen in der Gunst der Juroren ganz weit oben. Ein paar von diesen Küren anzusehen, ist vergnüglich, mit der Zeit aber wird es eintönig und erscheint austauschbar.
Leider blieben die bayerischen Gruppenküren ohne Medaillen. Dass die Vorbereitung darauf Spaß gemacht hatte, entschädigt aber zumindest ein klein wenig.
Die Wa – Dong – Gym als Austragungsort zeigte sich gut geeignet für die Kürwettbewerbe, wobei etwas mehr Klimatisierung allen Teilnehmern und Zuschauern durchaus gut getan hätte.
Vielleicht gelingt es bei der nächsten UNICON, einen Beamer und eine Leinwand zu organisieren, mit deren Hilfe man in der Lage ist, die kommenden Küren anzukündigen, die Starter vorzustellen und noch andere Informationen anzubieten, wie das bei nationalen Meisterschaften schon längere Zeit selbstverständlich ist. Das würde den Freestylewettbewerben einen etwas professionelleren Charakter geben und auch die Zuschauer erfolgreich mitnehmen.

Alle Großgruppenküren der UNICON 19:

 

Die Geländewettbewerbe fanden in den Bergen um Ansan statt. Man hatte es nicht allzu weit in diese Gebiete, Busshuttle waren organisiert, aber auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ließen sich Downhill und Co gut erreichen. Für uns bot das eine willkommene Gelegenheit, einen Blick auf das dörfliche koreanische Leben abseits der Großstadt zu werfen. Links und rechts der Straßen wurde Gemüse angebaut und gleich vom Feld weg am Straßenrad verkauft oder in kleinen, planenüberdachten Garküchen zubereitet. Dicht mit blutroten Chilischoten behängte Sträucher erregten unsere Aufmerksamkeit. Wir sahen zum ersten mal Reisfelder – sogar in der Form des Nassanbaus. Die Flächen waren mit Abflusssperren umrandet, das Wasser allerdings sehr mit Algen belegt, was wohl auf eine zu geringe Fließgeschwindigkeit hinweist, haben wir gelesen. Und die genau richtige Fließgeschwindigkeit ist wohl eines der Erfolgsgeheimnisse beim Reisanbau. Bleibt zu hoffen, dass der koreanische Bauer diesen arbeitsintensiven Nassanbau im Herbst nach der Trockenlegung der Felder mit einer reichlichen Ernte belohnt bekommt.
Schon im Voraus lichtete sich das Starterfeld beim Crosscountry durch Abmeldungen merklich. Die Kombination aus 15 schwierigen Geländekilometern, subtropischem Wetter und der Tatsache, dass man den XC Start für 15 Uhr, also für die heißeste Zeit des Tages angesetzt hatte, war für mehrere Fahrer der Grund, entweder ganz abzusagen oder in die Beginnerkonkurrenz über 5 km zu wechseln. Auch von den Allroundern, die unter Umständen schon ihre Erfahrungen mit den sehr strapaziösen 10 Kilometern gemacht hatten, gab es einige Startverzichte, denn das bis dahin schon abgelaufene Programm hatte an den Kräften gezehrt. Zwei Tage vorher entschied die Rennleitung kurzfristig, den Beginn zumindest auf 9 Uhr vorzuverlegen, eine guter Schritt hin zu etwas mehr Schutz der Teilnehmer vor gesundheitlichen Schäden.
Nach dem strapaziösen XC am Wettkampftag selber ließen sich noch einmal mehrere Fahrer aus den Uphill Startlisten streichen, weil sie keine Kraftreserven für den Bergaufwettbewerb mehr verspürten. Der Uphill war sehr lang (Siegerzeit Frauen 4:39 min, Vergleich San Sebastian 1:15 min) und schwierig und forderte die Teilnehmer bis an ihre Grenzen.
Der Advanced Downhill hingegen war sehr kurz für einen Weltmeisterschaftslauf (Siegerzeit Frauen 1:29 min, Vergleich San Sebastian 4:43 min). Kaum gestartet, rollte man schon über die Ziellinie, so der O – Ton der Starter nach dem Wettkampf. Sehr schwierig und steil soll indessen die Finalstrecke gewesen sein.
Die Organisation Vorort und die Zeitmessung funktionierten sehr gut, schnell hatte man die Ergebnisse online gestellt. Von unplausiblen Zeiten oder Platzierungen hörte man rein gar nichts.

 

Für die 10 km und den Marathon wählte man autofreie Radwege durch Ansan, sperrte diese allerdings nicht ab, so dass heimische Radfahrer, motorisierte Roller oder auch mal ein Rollstuhlfahrer gleichzeitig auf ihnen unterwegs waren. Das erwies sich als nicht ganz unproblematisch, ein paar kleinere Zusammenstöße ließen sich nicht verhindern. Zum Glück wurde niemand dabei schwerer verletzt. Die Organisation an Start und Ziel sowie die Zeitmessung dieser Wettbewerbe klappten gut, die Ergebnisse waren zügig auf der Ergebnisseite verfügbar.

 

Bei den Rennwettbewerben traf Spitzensport auf Laientechnik, und das im Land von Samsung und Co. Mit allem hatten wir gerechnet, aber nicht mit so dilettantischer Zeitmessung in einem so hochtechnisierten Land. Jede Kloschüssel hier ist mit Spitzenelektronik versehen, an ihr leuchtet eine ganze Lichterkette von verschiedenartigen LEDs für die vielfältigsten Spülvorgänge. Aber man schaffte es nicht, eine zuverlässige Messtechnik auf die Bahn zu bekommen. Eine Frühstartüberwachung gab es gleich gar nicht, Fehlstarts mit bloßem Auge waren in der Folge zahlreich zu sehen. Die Zeitmessung wurde mit dem letzten Startbeep per Hand oder wahlweise per Fußschalter ausgelöst, die Ergebnisse dann aber aufs Tausendstel genau angegeben!!!
Die Flächen für den IUF – Slalom wässerte der Stadionbetreiber mit hartnäckiger Zuverlässigkeit, obwohl er mehrfach gebeten worden war, während dieses Wettbewerbs das Fluten kurzfristig einzustellen. So wischten und tupften wir mit Lappen und Läppchen zwei Tage lang am Morgen aufs Neue den Tartan trocken.
Das Slalomfinale musste beim ersten Anlauf ganz annulliert werden, weil die Messanlage nicht so zuverlässige Werte lieferte, wie das notwendig gewesen wäre – Ärger auf allen Seiten inklusive.
Man einigte sich, dass Weltrekorde, die während der UNICON 19 erzielt werden, keine Anerkennung finden, weil man den Messergebnissen nicht komplett trauen konnte.
Die koreanischen Kampfrichter hatten zumeist von den IUF-Regeln für die Rennwettbewerbe wenig Ahnung, lernten aber auch während der Wettkampftage kaum dazu. Wollten sie nicht, konnten sie nicht? Er war schwer zu entschlüsseln. Da mangelte es wohl an Schulung im Voraus und auch ein wenig an gutem Willen Vorort. So waren es vorwiegend die Gäste, die dem Gastgeber die Rennwettbewerbe am Laufen hielten.
Das erste mal fanden Races in einem so atemberaubend großen Stadion statt. Wie schön wäre es für die Einradsportler, könnte man die Ränge eines Tages tatsächlich mit Zuschauern füllen. Man darf ja träumen… Momentan wirkte der Rennbetrieb in einem Rund mit 35.000 Besucherplätzen noch etwas verloren. Zusätzlich verhinderte die Gluthitze, dass sich zuverlässig eine Stimmung wie sonst bei Rennwettkämpfen einstellte. Sportler und Betreuer zogen sich nach vollendeter Disziplin zügig in die kühleren Katakomben das Stadions zurück. So waren fast immer nur jene Sportler im Stadionrund zugange, welche gerade mit ihren Läufen an die Reihe kamen. Noch nie haben wir so wenig von den Rennwettkämpfen einer WM mitbekommen, denn auch wir verschwanden nach absolviertem Start flott wieder in Richtung der klimatisierten Bereiche.
Miriam Lips als Renndirektor hatte sich gewiss bemüht, den Startern beste Bedingungen zu organisieren, die Voraussetzungen vor Ort jedoch unterstützten dieses Vorhaben nicht sonderlich wohlwollend.

Sehr erfreulich fanden wir, dass auch die Sprungwettbewerbe im Stadion stattfanden. Nach zwei UNICONs auf Beton, durften die Springer diesmal den bedeutend schonenderen Tartanuntergrund nutzen.

Von Flat, Street, Ballsportarten etc. haben wir leider nicht viel mitbekommen. Durch die anstrengenden äußeren Bedingungen hielt sich das Bedürfnis, sich noch länger als unbedingt nötig in der Hitze aufzuhalten, in Grenzen.

Sehr schön ist das Design der Medaillen. Für jeden war stets die passende Plakette mit Namen, Disziplin und Leistung auf der Rückseite vorbereitet. Dank des interaktiven Zeitplanes wusste man immer, wann und wo die stets pünktlich startenden Siegerehrungen stattfanden.
Die Ehrungen selber verliefen allerdings wenig feierlich. Wir fragen uns immer wieder, ob die dafür Zuständigen noch nie eine Siegerehrung großer Meisterschaften anderer Sportarten im Fernsehen gesehen haben. Beim Einradsport sind diese Zeremonien bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Sittard 2017) einfach nur belanglos. Dazu kam in Ansan noch der kontrastarme Tonfall der namenverlesenden koreanischen Dame, die weder am Anfang ihres Textes die Stimme hob, noch sie am Ende senkte. Die Ehrungen der Weltmeister hoben sich in keinster Weise von denen der Altersklassensieger ab. Man erfuhr nicht, aus welchem Land die Sieger kamen, keine Zeiten, Weiten, Leistungen, Höhen. Ganz abgesehen davon, dass man für die Expertsieger auch mal eine Nationalhymne abspielen könnte. Es ist so jammerschade, dass man es nicht schafft, diesen Ehrungen etwas Würdiges zu verleihen und die Sieger in einem angemessenen Rahmen zu wertschätzen.

 

Händeringend fehlte es noch zu Beginn der UNICON an Helfern in allen Bereichen. So wurde auch bei der Eröffnungsveranstaltung gleich im zweiten Announcement damit gedroht, dass alles im Chaos enden wird, wenn sich nicht mehr Helfer melden. Dabei sei erwähnt: Alle, die wir kennen, hatten sich bei der Registration in die Helferlisten eingetragen. Lena, Lars und Jan Vocke z.B. haben fast überall mit angepackt, wir sahen sie bei jeder Menge Wettbewerbe im Einsatz – ein großes Lob und Dankeschön an die drei stellvertretend für all die Vielfachhelfer. Wenn es aber nicht langt, dass fast jeder Competiter und Noncompetiter irgendwo zugreift und viele Teilnehmer sogar mehrfach mitarbeiten, dann muss man dem Ausrichter einen ernsten Vorwurf machen, dass er im Vorfeld mehr als träge war, als es um die Organisation und die Absicherung mit Helfern ging. Erst die Leute mal alle kommen lassen und dann sehen, ob`s irgendwie klappt, das kann nicht der Schlüssel zum Erfolg sein, hat sich aber mittlerweile leider als Masche etabliert. Immerhin kommen die Starter nach wie vor und in erster Linie deshalb zur UNICON (und zahlen dafür), weil sie gute Wettkämpfe und tolle sportliche Leistungen abliefern wollen.
Wie sagt man in so einem Fall gern: Da hatte das Event noch viel Potential nach oben…!!!

 

Wie auch immer – Es war wunderbar, wieder einmal mit Einradfahrern aus der ganzen Welt zusammenzukommen und dieses große Fest des Einradsports zu zelebrieren. Nun freuen wir uns auf Brixen 2020!

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Garser Einrad-Team
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  1. Moni
    | Antworten

    Hallo Heike ,
    Danke für die tolle Zusammenfassung und Überhaupt eure Berichte – somit können sich auch Daheimgebliebene ein gutes Bild machen und mit dabei sein !

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