Bisher war ich der Meinung, dass 3 mal 4 gleich 12 ist. Seit dem 18. Oktober 2026 weiß ich, dass diese Gleichung nicht stimmt. Bei der SDM 2026 ergab drei mal vier etwas ganz anderes: Desillusionierung. Resignation. Ein bitterer Geschmack von Machtlosigkeit. Zum dritten Mal standen wir an jenem unsichtbaren Abgrund. Zum dritten Mal waren wir die Großgruppe, die das Ticket zur Deutschen Meisterschaft um Haaresbreite verpasste.
Zweimal traf uns dieser Schlag durch Systematik: Eine Meisterschaft, die Vereinsgruppen gegen geförderte Landesauswahlkader antreten ließ. Auslese-Teams mit hohem Budget gegen Vereine, deren unermüdliche Basisarbeit überhaupt erst das Fundament für solche Kader legt. Vereine, die Startgelder zahlten, Kampfrichter stellten oder anderenfalls Strafen berappten – nur um am Ende von ihren Eigengewächsen im Verbandstrikot von der Fläche gefegt zu werden. Diese Absurdität gehört heute der Geschichte an. Das Umdenken kam in später Einsicht, für uns kam es zu spät. Die Wunden waren längst geschlagen.
Und dieses Jahr? Wieder Platz vier. Getrennt vom Podium durch lächerliche, schmerzhafte 0,2 Punkte. Weniger geht nicht. Bitterer geht nicht.
„Fünfter dürfen wir werden, wenn´s sein muss Achter“, hatten die Mädels vor dem Start gesagt, die Stimmen irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. „Erster bis Dritter sowieso gern. Aber bitte, nach alldem: Nicht wieder Vierter.“
Manchmal trägt man diese kindliche, fast sture Hoffnung in sich – den Glauben an ein Fünkchen ausgleichende Gerechtigkeit, das wiedergutmacht, was die äußeren Umstände Tag für Tag zerreiben. Man weiß aber als Erwachsener auch, dass die Welt so nicht funktioniert. Dass das Schicksal keine Buchhaltung führt. Und doch braucht man diesen verheißungsvollen Schimmer. Wenn man sich jenen kindlich vertrauensseligen Lichtblick auf die Dinge nicht bewahren könnte, würde man zuweilen nicht des Weiterkämpfens fähig sein.
So fuhren wir im „Jahr eins“ nach der Kaderregelung los. Wir hofften, dass all das Unsichtbare belohnt würde: Die Jahre der widrigen Trainingsbedingungen mit der seit Ewigkeiten und aller Wahrscheinlichkeit noch bis Sommer 2027 geschlossenen Turnhalle. Die Odyssee durch ganz Südostbayern für ein paar karge Stunden Trainingszeit. Der verbrannte Sprit, das investierte Geld für Hallenmieten bei anderen Vereinen, die eingesetzte Zeit. Und das leise, schleichende Sterben unserer Nachwuchsarbeit.
Aber – so ist das Leben eben nicht. Die Realität kennt keine Romantik.
Es gibt Niederlagen, die sind wie ein blauer Fleck. Sie schmerzen, vergehen und hinterlassen Muskeln. Und es gibt Niederlagen, die ziehen einen Flurschaden durch die Seele. Sie brennen sich ein, weil ihre Vorgeschichte so schwer wiegt. Dieser vierte Platz gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Die enttäuschten und resignierten Augen der Mädels aushalten zu müssen nach der Ergebnisverkündung – das war schlimm. Tröstliche Worte zu finden – das war schwer. Es war die eigentliche Niederlage. Dagegen anzusprechen, zu erklären, aufzumuntern – wenn einem doch selbst zum Heulen zumute ist.
Wir waren die letzte Großgruppe, die aufs Parkett ging, die letzte Kür der SDM überhaupt. Nach unserem Auftritt bekam ich mehrfach Gratulationen und wunderschöne, individuelle Komplimente – ein warmer Windhauch. Freuen wir uns also daran. Und doch bleiben die Zahlen: 4 und 0,2 …
Bedeutend erfreulicher war das Treiben in den Einzel- und Paarkürkonkurrenzen. Für die Deutsche Meisterschaft, die am ersten Adventswochenende in Offenburg stattfindet, haben sich mit sehr guten Leistungen qualifiziert:
Annalena Söll und Lena Freimuth mit ihren Einzelküren


Daniela Abrantes und Sofia Maier sowie Annalena Söll (mit Hannah Grätzl) mit ihren Paarküren


Annalena in einer vereinsübergreifenden Kleingruppe

Ganz herzlichen Glückwunsch euch allen und viel Erfolg in Offenburg!
Gut gekämpft haben die Paarküren mit
Helena Maier und Sarah Stettner sowie Selina Bögl und Laura Stettner.


Leider hat es nicht ganz für eine Qualifikation gereicht.
Unser Dank geht an den Ausrichter in Gilching mit all seinen zahlreichen Helfern sowie an Thorben Kessner für die schönen Bilder.
Und zu guter Letzt noch ein paar allgemeine Dinge, die uns aufgefallen sind:
1. Ein großes und ehrliches Kompliment an die PK von Annika Bischoff und Florian Brecht, die berechtigten Süddeutschen Meister. Was sie fahren, ist meine Vorstellung von Paarkür im Einrad-Freestyle. Chapeau!
2. Lediglich 8,5 Prozent aller Wertungsrichter kamen vom EVD.
Diese Süddeutschen Meisterschaft hatte drei – davon gehe ich mal grundlegend aus – gleichberechtigte Veranstalter: German Cycling, RKB und EVD. Diese Tatsache sollte sich auch in der Juryzusammensetzung widerspiegeln. Das gemeinsame Jurykonzept sagt dazu: „Die Jury sollte, wenn möglich, aus gleich vielen Juroren aller Verbände bestehen und alle Vereine repräsentieren.“
Nun kann ich nichts über die Jurymeldezahlen der anderen EVD – Vereine sagen. Ich weiß nur, dass gemeldete Juroren unseres Vereins am Freitag und am Samstag in den Vorkämpfen nahezu nicht zum Einsatz kamen und dass von 12 möglichen Einsätzen über alle drei Tage ganze 5 genutzt wurden. Falls es also tatsächlich zu wenige EVD-Juroren gab, um eine Ausgewogenheit herzustellen: Hier lag schlichtweg Potenzial brach. Ganze 7 EVD-Juroren von insgesamt 96 fanden sich am Freitag und Samstag in den Jurylisten wieder – das entspricht mickrigen 7,2 Prozent.
Wollte man die Jurybesetzung an der Anzahl der von den jeweiligen Verbänden startenden Küren festmachen, hätten über alle drei Tage hinweg mindestens 16,2 Prozent aller Juroren vom EVD kommen müssen. Aber selbst das wäre noch nicht gerecht gewesen.
Warum? Weil schon das Qualifikationssystem weder ausgewogen noch gerecht ist. Die Chancen der in Bayern ansässigen EVD-Vereine, die SDM zu erreichen, sind um ein Vielfaches geringer als die Chancen der Starter von GC oder RKB, die über die BWM sowie die Meisterschaft für Hessen, das Saarland und Rheinland-Pfalz anreisen:
Heuer waren bei der Landesmeisterschaft in Baden-Württemberg 71 Küren am Start (davon 64 in Einzel- und Paarkür). Die Landesmeisterschaft H/SL/RhPf zählte 56 Starter (davon 50 EK und PK). In Bayern hingegen gingen mit 145 Küren mehr Starter in den Wettbewerb als in BW und H/SL/RhPf zusammen (127) – davon allein 125 in EK und PK. Die Anzahl der Startplätze für die nächsthöhere Meisterschaftsebene ist jedoch bei allen Landesmeisterschaften identisch. Es gibt also Landesmeisterschaften im Einzugsgebiet der SDM, bei denen nahezu 100 Prozent der Fahrer geschmeidig durchmarschieren.
Das bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung. Solange man sich nicht von der starren, rein zahlenmäßigen Vergabe der SDM/NDM-Startplätze verabschiedet und zu einem prozentualen Vergabesystem übergeht, welches die tatsächliche Beteiligung und die länderspezifische Leistungsdichte berücksichtigt, kann nicht sichergestellt werden, dass engagierte Vereine und motivierte Sportler nicht an einem unflexiblen System scheitern. Ziel sollte es doch vielmehr sein, sie entsprechend ihren echten Leistungschancen sichtbar und wirksam zu fördern.
So langsam geht uns unter all diesen ungleichen Bedingungen die Luft aus. Die gute Nachricht bei alledem: Was Veränderungen betrifft, ist es nicht ganz hoffnungslos.
3. Gerätselt haben zahlreiche Sportler, Übungsleiter und Eltern, was der als RKB-Freestyle benannte RKB-Kader im Teilnehmerfeld einer SDM machte.
Das ist eine Auswahlmannschaft, die unter anderem Fahrer inkludiert, die aus NRW oder aus dem Bereich der Ostdeutschen Landesmeisterschaft kommen und die bereits in EK und PK erfolgreich in Bottrop bei der NDM 2026 am Start waren (Plätze 1 bis 3 AK bzw. Finalteilnahme). Dieser Start bei der SDM mag in den Grauzonen der Regelauslegung noch tolerabel sein, moralisch aber ist er fragwürdig. In der ersten Version der Startlisten stand auch noch „RKB / SKV Büdesheim“ – eine Bezeichnung, die in späteren Startlisten klammheimlich verschwunden war. Zudem wäre es doch um ein Vielfaches sinnvoller, stattdessen einen Landeskader Hessen zu gründen, die Fördergelder der Landessportverbände für eine solche Maßnahme abzurufen und bei der DM im Länderpokal anzutreten. So jedenfalls hinterließ das bei vielen SDM-Teilnehmern ein schales Gefühl.
Fotos: privat, Thorben Kessner


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