Fehler passieren – immer und überall. Niemand von uns ist davor gefeit. Man kann ein Detail übersehen oder es treten Umstände ein, gegen die man machtlos ist.
Für solche Situationen hat jeder Verständnis.
Was aber beim Marathon der UNICON 22 passiert ist, liegt in einer völlig anderen Kategorie.
Es entstand nicht durch unvermeidbare Fehler, sondern dadurch, dass die Verantwortlichen ihre Aufgaben nicht wahrgenommen und notwendige Entscheidungen nicht getroffen haben. Am Ende entzogen sie sich sogar der armseligen Siegerehrung am 3. August, anstatt sich dem selbst verursachten Chaos zu stellen und den Marathoni noch einmal versöhnlich die Hand zu reichen. Wertschätzung für Weltmeister sieht anders aus. Eine angemessene Portion Selbstreflexion auch.
Grundsätzlich sollte es selbstverständlich sein, dass die Strecken der Road Races bekannt sind, bevor die Anmeldung zu einer Meisterschaft öffnet. Wer viel Startgeld für ein Event ausgibt und sich monatelang akribisch vorbereitet, sollte wissen dürfen, wofür er bezahlt und worauf er konkret trainieren muss. Idealerweise haben die Athleten sogar die Möglichkeit, die Strecke bereits Monate vor dem Wettkampf Probe zu fahren.
Wie aber sah die Realität bei der UNICON 22 aus?
Die erste Information zu den Road-Race-Strecken wurde am 14. Juli verschickt – wohlgemerkt nicht 2025, wir reden von 2026. Zu diesem Zeitpunkt waren es noch ganze 13 Tage bis zum ersten Wettbewerb, dem 10 km – Straßenrennen. Anstatt den Teilnehmern in allerletzter Minute eine fertige, den Ansprüchen einer Weltmeisterschaft entsprechende Strecke zu präsentieren, bestand die spät eintreffende Mitteilung aber in erster Linie aus Rechtfertigungen und Erklärungsversuchen, warum man sich offenbar außerstande sah, weltmeisterschaftswürdige, weltrekordtaugliche und vor allem sichere Strecken bereitzustellen. Statt eine Lösung zu präsentieren, wurde ein aus sportlicher Sicht untragbarer Vorschlag unterbreitet und zugleich um Milde und Verständnis für ein organisatorisches Versagen geworben.
In der Folge schrieben wir E-Mails über E-Mails und führten nach der Ankunft vor Ort persönliche Gespräche.
Ziel dieser Bemühungen war es,
- den Kurs sicher zu machen, denn in der ursprünglich vorgestellten Form stellte er ein erhebliches Risiko für Fahrer und unbeteiligte Dritte dar,
- die Strecke zumindest annähernd auf das Niveau einer Weltmeisterschaft zu bringen,
- den Kurs von Schotterabschnitten, Waldwegen, anderem unbrauchbaren Straßenbelag, zu engen Streckenteilen, Fahrten durch Wohngebiete und Fahrten über stark frequentierte Freizeitwege wegzuverlegen,
- die Streckenführung so anzupassen, dass sie dem Charakter und den hohen Geschwindigkeiten eines Langstreckenrennens gerecht wird,
- mehrere Rahmenbedingungen zu korrigieren, die von den Road-Race-Directors und der UNICON-Organisation offensichtlich nicht ausreichend bedacht worden waren.
Zeitweise fühlte es sich an, als hätte sich eine Außenstelle des WM-Organisationsbüros auf unserer heimischen Küchencouch eingerichtet.
Mit der Zeit drängte sich der Eindruck auf, dass die Road-Race-Directors keine klare Vorstellung davon hatten, was ein Langstreckenrennen ausmacht. Es schien, als fehle das Verständnis dafür, mit welchem Tempo, welcher Dynamik und welcher Eleganz auf diesem Niveau gefahren wird, was es bedeutet, wenn Athleten wie Simon oder Timo mit bis 40 zu km/h scheinbar mühelos über den Asphalt fliegen (Durchschnittsgeschwindigkeit Männer unlimited in Steyr ca. 33km/h, Spitzengeschwindigkeit ca. 41,5km/h). Anders lässt sich kaum erklären, wie den Teilnehmern eine Strecke präsentiert werden konnte, die eher an einen zweiten Crosscountry erinnerte als an einen Kurs, der den Anforderungen eines Weltmeisterschaftsrennens im Marathon auf diesem Leistungsniveau gerecht wird.
Um das Ausmaß dieser Fehlplanungen selbst einschätzen zu können, besichtigten wir unmittelbar nach unserer Ankunft in Steyr beide Strecken.
Schon beim 10-km-Kurs waren wir alarmiert. Er führte durch enge Kurven, über schmale Fahrbahnen, die Streckenführung verlief durch Wohngebiete, er beinhaltete das Queren der Ausfahrten von Tiefgaragen und das Passieren zahlreicher parkender Fahrzeuge, die den verfügbaren Raum zusätzlich einschränkten.
Doch all das verblasste im Vergleich zur Marathonstrecke. Nach den Ankündigungen und den Feedbacks anderer Marathonfahrer hatten wir nichts Gutes erwartet, die Realität war jedoch deutlich schlimmer. Wir sahen eine Strecke, die ein massives Sicherheitsproblem offenbarte, und zwar nicht nur für Fahrer, sondern insbesondere auch für unbeteiligte Dritte. Es ging dabei nicht um sportliche Vorlieben oder darum, ob die Strecke „schön“ ist. Es ging darum, dass auf dieser Strecke ein Rennen mit Geschwindigkeiten von bis zu 40 km/h stattfinden sollte.
Die Führung durch das Wohngebiet war schlichtweg unverantwortlich. In einem Wohngebiet muss jederzeit damit gerechnet werden, dass ein Kind auf die Straße läuft, ein Ball auf die Fahrbahn rollt, ein Hund aus einem Grundstück springt oder ein Autofahrer rückwärts ausparkt. Genau dafür sind Wohngebiete da – Menschen leben dort.
Käme es zu einer Kollision, wären schwerste Verletzungen auf beiden Seiten nicht nur möglich, sondern durchaus wahrscheinlich. Hinzu kam ein Straßenbelag mit teilweise groben Schäden, der bei diesen Geschwindigkeiten ein weiteres erhebliches Risiko darstellt. Der Schotterabschnitt des Kurses war für einen Straßenmarathon schlicht ungeeignet. Der lose Schotter, die starke Schräglage, die unübersichtlichen Kurven und die praktisch nicht vorhandenen Überholmöglichkeiten würden ein sicheres Rennen unmöglich machen. Der erhebliche Freizeitverkehr im Waldstück mit Radfahrern, Familien, Spaziergängern, Pferden, Rollerfahrern, unberechenbar querenden Kindern sowie E-Bike-Fahrern, den man niemals hätte komplett aussperren können, würde das Sicherheitsrisiko erhöhen. Diese Nutzer mit einem internationalen Marathonrennen auf derselben Strecke zusammenzubringen, war einfach nicht vertretbar.
Neben der Streckenführung gab es weitere Probleme:
Es waren bis zum Beginn der UNICON keine Streckenposten in den Helferlisten vorgesehen. Auch darauf mussten die die Organisatoren erst hingewiesen werden. Eine medizinische Notfallversorgung wäre an einer solchen Strecke nicht sicherzustellen gewesen. Große Teile der Strecke sind für Rettungsfahrzeuge kaum oder gar nicht erreichbar. Sollte es zu einem schweren Sturz oder einer Kollision kommen, wäre mit erheblichen Verzögerungen bis zum Eintreffen medizinischer Hilfe zu rechnen gewesen.
Es genügte auch nicht, was unentwegt gemacht wurde: an die Eigenverantwortung der Fahrer zu appellieren. Selbstverständlich trägt jeder Fahrer Verantwortung für das eigene Handeln. Diese Verantwortung hat jedoch Grenzen. Sie kann und darf nicht dazu dienen, eine Streckenführung zu kompensieren, die objektiv ein erhöhtes Risiko schafft. Wenn Fahrer an jeder unübersichtlichen Kurve, in jedem Wohngebiet, bei jeder Begegnung mit Fußgängern, Radfahrern oder Pferden ihre Geschwindigkeit deutlich reduzieren müssen, dann ist die Strecke schlicht nicht für einen Marathonwettbewerb bei einer UNICON geeignet. Ein Weltmeisterschafts-Marathon muss so gestaltet sein, dass Spitzenleistungen unter sicheren und fairen Bedingungen möglich sind. Die Verantwortung für eine sichere Wettkampfumgebung liegt in erster Linie beim Veranstalter – nicht bei den Athleten. Andernfalls sprechen wir nicht mehr von einem Marathonrennen auf Weltmeisterschaftsniveau, sondern von einer gemeinsamen Ausfahrt mit Rücksicht auf den Freizeitverkehr. Beides hat seine Berechtigung, aber es sind zwei völlig unterschiedliche Veranstaltungen.
Lösungen hätte es durchaus gegeben: Bereits im Vorfeld waren von einigen der weltbesten Marathonfahrer Vorschläge für deutlich besser geeignete Strecken eingebracht worden. Dass die Organisatoren diese ernsthaft in Betracht ziehen würden, schien jedoch zu diesem Zeitpunkt unrealistisch. Wir selbst mussten lediglich vier Stunden investieren, um einen etwa acht Kilometer langen Rundkurs zu finden, der größtenteils auf bereits in der Genehmigung befindlichen Straßen verlief und die Voraussetzungen für einen angemessenen Marathon weit besser erfüllt hätte. Zusätzlich hätte diese Variante einen großen Parkplatz eingebunden, auf dem die zahlreichen Athleten und Betreuer ihre Fahrzeuge problemlos hätten abstellen können. Am ursprünglich vorgesehenen Startgelände bei der Rennbahn hingegen wäre die ohnehin angespannte Parkplatzsituation, verstärkt durch parallel stattfindende andere Wettkämpfe, zu einer erheblichen zusätzlichen Belastung geworden. Das dadurch entstehende Verkehrsaufkommen hätte die ohnehin problematische Strecke noch gefährlicher gemacht.
Erst nach zahlreichen Interventionen von Teilnehmern und Betreuern und nachdem die Race Directors und die Hauptorganisatoren die vorgebrachten Bedenken mehrfach zurückgewiesen oder relativiert hatten, setzte schließlich ein Umdenken ein. Allerdings entstand durch verschiedene Informationen der Eindruck, dass es eher die Einwände der Stadt Steyr bezüglich der nicht vorhandenen Streckensicherheit waren, die den Umschwung brachten, weniger die Bedenken und die Sorgen der Sportler. Gerade einmal zwei Tage vor dem Rennen wurde offensichtlich, dass der ursprüngliche Plan nicht unverändert aufrechterhalten werden konnte. Es begann eine hektische Umorganisation.
Letztlich konnte das Rennen auf einer Strecke stattfinden, die zumindest akzeptable Bedingungen bot.
Allerdings offenbarte sich ein anderes Problem: Die Strecke erreichte nicht die vorgeschriebene Marathondistanz. Die GPS-Aufzeichnungen unserer Fahrer zeigten nach dem Überqueren der Ziellinie Distanzen zwischen 41,63 und 41,64 Kilometern an. Ein Marathon misst jedoch 42,195 Kilometer. Was bleibt anderes übrig, als diesen Fauxpas mit einer Prise Humor zu betrachten: Da es auch kein offizielles Vermessungsprotokoll gab, müsste sich wenigstens niemand darüber ärgern, einen vermeintlichen Weltrekord auf einer zu kurzen Strecke aufgestellt zu haben.
Das Fazit fällt leider eindeutig aus: Die Race Directors waren dieser Organisationsaufgabe nicht gewachsen. Erfahrung und die Vorstellung davon, was ein Langstreckenrennen auf Weltmeisterschaftsniveau ausmacht, fehlten.
Umso mehr stellt sich die Frage, warum sie diesen Posten überhaupt übernommen haben.
Die Erklärung der Hauptorganisatoren lautete, man habe „jeden gefragt“, doch niemand habe die Aufgabe übernehmen wollen. Das wirft allerdings die Frage auf, wen dieses „jeden“ eigentlich umfasst haben soll. Weder die Weltrekordhalter noch die Medaillengewinner der vergangenen UNICON noch andere international bekannte Langstreckenspezialisten – also jene Sportler, die es betreffen würde – sind gefragt worden, keiner von ihnen. Bereits im Mai hatten wir bei einem persönlichen Gespräch auf diese Problematik hingewiesen.
Den traurigen Schlusspunkt dieses organisatorischen Chaos bildete schließlich eine Siegerehrung, die einer Weltmeisterschaft in keiner Weise gerecht wurde. Für deren Ablauf tragen die Race Directors zwar nicht allein die Verantwortung, wer jedoch für einen Wettbewerb zeichnet, steht vom ersten Planungsschritt bis zur letzten Medaille in der Pflicht. Dazu gehört auch, bei der Siegerehrung anwesend zu sein. Gerade nach den massiven Problemen, die den Athleten in dieser Disziplin zugemutet worden waren, wäre es ein Gebot des Anstands gewesen, den Medaillengewinnern persönlich zu gratulieren, ihnen die Hand zu schütteln und sich für die entstandenen Schwierigkeiten zu entschuldigen. Stattdessen war einer der beiden Race Directors gar nicht anwesend. Die andere entschied sich, ihren Auftritt lieber beim zuvor stattfindenden Flat-Finale zu absolvieren und anschließend zu verschwinden – zwar nicht aus der Halle, aber weg von den Siegerehrungen, obwohl wir unmissverständlich darauf hingewiesen hatten, dass ein solches Verhalten dem Anlass und der Situation nicht angemessen war.
Doch nicht nur die Abwesenheit der Verantwortlichen war enttäuschend. Auch der Zeitpunkt und der Rahmen der Siegerehrung waren den Leistungen der Marathonfahrer nicht würdig. Die Ehrung war für 22:40 Uhr angesetzt. Allein diese Uhrzeit ist innerhalb einer so komplexen und langen Weltmeisterschaft nicht akzeptabel. Viele der ausgezeichneten Athleten hatten am kommenden Morgen bereits um 7:00 Uhr das Aufwärmprogramm für ihren nächsten Wettkampf zu absolvieren. Hinzu kam, dass die Siegerehrung unmittelbar nach dem Flat-Finale stattfinden sollte. Wer bereits mehrere UNICONs erlebt hat, weiß, dass ein Flat- Finale praktisch nie zum vorgesehenen Zeitpunkt endet. Auch in Steyr dauerte es, wenig überraschend, fast eine Stunde länger, als im Zeitplan vorgesehen war. Kleinere zeitliche Verschiebungen bei Siegerehrungen gehören zu einer WM dazu und sind normal. Aber sie sind nur dann hinnehmbar, wenn die Ehrung um 19 Uhr oder um 20 Uhr angesetzt ist. Sie sind nicht zumutbar, wenn man meint, um 22:40 Uhr ehren zu wollen. Wenn eine Medaillenübergabe so spät stattfinden soll, muss man sich darauf verlassen können, dass diese Zeit eingehalten wird. Interessant wäre es geworden, falls das Flatfinale noch 15 Minuten länger gedauert hätte. Um Mitternacht musste nach Auflage der Stadt die Eishalle leer sein und geschlossen werden. Hätte man die Marathongewinner nach zwei Stunden des sinnlosen Wartens dann einfach unverrichteter Dinge wieder weggeschickt?
Als wir pünktlich für die Ehrung erschienen, war nichts vorbereitet für eine Medaillenzeremonie. Unsere Fahrer selbst haben dann kurz vor Mitternacht ihr Siegerpodest aufgebaut und die Verantwortlichen angetrieben, dass überhaupt erst einmal die Medaillen bereitlagen. Ebenso vorhersehbar war, dass nach mehr als sechs Stunden Flat-Wettkampf kaum ein Zuschauer für die anschließende Ehrung der Marathonfahrer in der Halle bleiben würde. Genau so passierte es dann auch: Nach der Flower Ceremony der Flat-Disziplin verließen die Zuschauer laut lärmend in Scharen die Halle. Für die Marathon-Medaillengewinner blieb eine nahezu leere Arena – eine Atmosphäre, die ihren Leistungen in keiner Weise gerecht wurde.



Besonders enttäuschend ist, dass diese Entwicklung keineswegs überraschend kam. Unsere eindringliche Bitte, die Siegerehrung gleich gemeinsam mit den Medaillenzeremonien um 19:45 Uhr stattfinden zu lassen, blieb unbeachtet. Man „löste“ das Problem durch Ignorieren der per E-Mail geäußerten Bitten und gestellten Anfragen.
Alles in allem war die Organisation dieses als Marathon bezeichneten 41,64 km- Rennens von Anfang bis Ende einer WM unwürdig. Die Fahrer hätten zum Schluss zumindest noch eine Siegerehrung verdient gehabt, die ihrer außergewöhnlichen sportlichen Leistung gerecht wird, nicht eine Medaillenzeremonie, die an Belanglosigkeit kaum zu überbieten war.
Fotos: privat, Thomas Höser


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